19. Februar 2020
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RN vom 16.08.2003

LieblingsplatzFrage an Hans Wilhelm Stodollick:
Wo ist ihr Lieblingsplatz?







Die Insel im Grünen sehen

Hans Wilhelm Stodollick genießt den Blick von auswärts auf seine Stadt 


Hinaus geht´s aus der Innenstadt in Richtung Norden. Die Werner Straße entlang. Wir lassen die dichter besiedelten Vororte hinter uns. Die Felder, die am Autofenster vorbeiziehen, sind gelb, zum Teil schon abgeerntet. Hans Wilhelm Stodollick sitzt am Steuer seines Dienstwagens. Unser Ziel ist der Lieblingsplatz des Lüner Bürgermeisters. „Dort hat man eine fantastische Aussicht“, verspricht er mir. Es ist einer jener schwülen, heißen Tage dieses Sommers. Später Nachmittag. Die Luft ist diesig und zum schneiden dick, ein Gewitter droht. Noch scheint die Sonne, doch einzelne dunkle Wolken quellen bereits auf. „Eigentlich hätten wir ja bis nach Schweden fahren müssen“, sagt der Familienvater verschmitzt. Im Südwesten des skandinavischen Landes, in der Nähe von Ingelstadt, liegt Stodollicks globaler Lieblingsort. „Dort gibt es einen kleinen Waldweg. Er macht eine leichte Linkskurve, dann schaut man auf eine Gruppe der typischen roten Holzhäuser und einen See“, schwärmt der 54-Jährige. Doch in diesem Sommer fährt Stodollick mit seiner Ehefrau Ursula und den drei Söhnen Lars, Jan und Claas nicht nach Schweden, er bleibt in Lünen. „Die Ferien liegen zu spät. Da ist es in Schweden schon zu kalt.“ 

Im Auto sorgt die Klimaanlage für kühle Luft. Wir passieren das Vorortschild Langern, fahren einen steilen Hügel hinauf, rechts und links der Straße Felder. Pferde grasen auf Koppeln. Normalerweise fährt Stodollick mit seinem bordeauxroten Trekking-Rad zu seinem Lieblingsplatz. Doch dafür lässt der Terminkalender jetzt keine Zeit, in die Pedale wird er erst am späten Abend treten können. Der Bürgermeister ist ein begeisterter Radfahrer. Auf gute 100 Kilometer bringt er es in der Woche. Meist zieht es ihn in den Norden Lünens, in die ländlich geprägte Landschaft rund um Cappenberg, Werne und Bergkamen. Aber auch Richtung Dortmund radelt er. Denn in Huckarde wuchs er auf. 

Oben auf dem Kamm biegt Stodollick nach links in eine schmale Straße ein. Er steuert den Wagen an den Feldrand. Wir steigen aus. Doch nicht die erwarte Schwüle und Hitze der City schlägt uns entgegen. Ein angenehmer Wind greift in die Haare. Grillen zirpen. „Da sind wir“, erklärt der Bürgermeister mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht. Er weist mit seinem Zeigefinger über die Straßengabelung hinüber ins Lippetal. Im Hintergrund erhebt sich die Bergehalde in Kamen über das Kraftwerk Rünthe und das fast lieblich anmutende Lippetal. „Die Farb- und Lichtreflexe ändern sich je nach Jahreszeit“, gerät Stodollick ins Schwär­men. „Wenn der Fluss Hochwasser führt und die Felder überschwemmt sind, dann sieht es hier fast wie in Schweden aus“. Fernweh klingt durch seine Stimme. 

Wir gehen ein Stück weiter die Straße entlang nach Süden. Durch die Obstbäume hindurch zeigt er mir die Zeche Haus Aden. Stodollicks Vater war auch Bergmann, er arbeitete auf der Zeche Hansa als Schweißer unter Tage. Am diesigen Horizont ragen der Dortmunder Fernsehturm und der Lanstroper Wasserturm empor. Und dort liegt Lünen, wie eine kleine Insel im Grünen. In seiner Mitte der 13 Stockwerke hohe, schlanke Rathausturm und die Kirchtürme. „Wenn ich von hier aus auf meine Stadt schaue, verschieben sich meine Perspektiven. Ich sehe sie nicht mehr aus meinem Innenstadtbüro heraus. Hier bekomme ich neue Anregungen, kann meine Gedanken fließen lassen", erklärt der erste Bürger, was für ihn Faszination des Hügels ausmacht. Einige Autos fahren vorbei. „Abends ist hier kaum Verkehr, dann kann ich hier gut nachdenken“, sagt Stodollick fast entschuldigend. Doch noch ist es nicht soweit. Wir müssen wieder in die Stadt zurück, noch ein wichtiger Termin ist in seinem dienstlichen Kalender für diesen Tag vermerkt. Wir steigen ins Auto und fahren über das idyllische Cappenberg zurück in die Insel im Grünen mit ihrem charakteristischen, hohen Rathausturm.